Salzige Zeiten

Ein Abend am Strand. Eine Gruppe von sechs Freunden trifft sich, um ausgelassen zu feiern...Doch dann passiert etwas, was sie von nun an für immer verändert.

„Manchmal hasse ich das Meer, sein rohes, trotziges Gesicht. Ich schlage in die Wellen. Doch es verhöhnt mich. Es ist stärker als ich. Ich schlucke Salz, es brennt mir den Rachen, ich kotze es wieder aus, sein Wasser, und dennoch, es gibt Tage, an denen nimmt es mich auf wie ein Kind und wiegt mich in seinem Korb. Ich habe keine Angst zu ertrinken...“ Sieben Jahre später...

Die Gruppe feiert wie jedes Jahr Fortunas Geburtstag. Alles scheint wie immer, doch es riecht angebrannt. Einer fehlt. Langsam bröckelt die Fassade, die die Freunde jahrelang zusammengehalten hat. Im Verlauf dieses Abends wird nicht nur ausgelassen gefeiert, die Vergangenheit holt die Freunde ein, will sie nicht mehr loslassen, zwingt sie in die Knie; Konflikte werden ausgetragen, Rivalitäten kommen zum Vorschein und zum Schluss bleibt allen die Gräte im Hals stecken.
Was passiert, wenn die Vergangenheit nicht von einem lässt, wenn Schuld und Neid sich nicht verstecken lassen?


Presse Frankfurter Rundschau KULTUR RHEIN MAIN
Fortunas Geburtstag
Das Junge Ensemble des Theaters Gruene Sosse geht dem Thema Verdrängung nach

Es heißt, Jugendliche seien schwer für Theaterbesuche zu begeistern. Die Inszenierung Salzige Zeiten des "Jungen Ensembles - Theater Gruene Sosse" ist jedoch eher ein Beweis des Gegenteils. Fünf jugendliche Laiendarsteller sind hier selbst ans Werk gegangen, haben anhand eigener Lebenserfahrungen ein überzeugendes Stück über das Glück entwickelt und dieses für Jugendliche ab 16 Jahren als Uraufführung im Frankfurter Theaterhaus auf die Bühne gebracht.

Irreführend belanglos setzt das Stück ein: Ein Tisch, fünf Stühle und ein Klavier stehen bereit, mit Tanz, Tequila und lockeren Sprüchen wird hier eine zunächst etwas steif anlaufende Strandparty gegeben. Die Glückseligkeit mündet jedoch in einen Schock: das Baby Fortuna, das in einem Korb auf einem Felsen stand, ist plötzlich - vermutlich im Meer - verschwunden. Das stört das Vergnügen jedoch nur einen Augenblick. Schnell einigt man sich darauf, das Unglück kollektiv zu verdrängen und zum Beweis der Bündnistreue jährlich an diesem Tag und Ort den Geburtstag Fortunas zu feiern.

Dass solche Verdrängung nicht funktioniert, Liebe sich zudem als trügerisch erweist, wird im weiteren Verlauf des Stücks Schritt für Schritt enthüllt.
Dafür haben die Darsteller in der Regie von Willy Combecher symbolische Bilder entwickelt, die die Festtags-Laune der Gesellschaft zunehmend als Getue enttarnen. In einem sorgfältig entwickelten Spannungsbogen gelingt es den Darstellern, verdeckt wirkende psychische Kräfte einer verlogenen Familienkonstellation frei zu legen. Pointiert vorgetragene Dialoge ermöglichen es darüber hinaus, Themen wie Schuld, Verantwortung und Schicksal anzusprechen. So begreift Marie (sehr überzeugend von Nadja Duesterberg gespielt) das Unglück schlicht als Pech, für das in einer ohnehin ungerechten Welt niemand Verantwortung zu tragen habe. Ingo, der vermeintliche Vater (Till Nicklas), erklärt resigniert, dass Schicksal eine nicht zu beeinflussende Größe sei.

Seit fünf Jahren gibt es den Jugendclub, in dem das Theater Gruene Sosse mit Laiendarstellern arbeitet. Nach eindrucksvollen Collagen (zuletzt Du bzw. Ich) ist jetzt erstmals ein zusammenhängendes Stück "von" Jugendlichen "für" Jugendliche entstanden, das eben auch Gleichaltrige auf bemerkenswert hohem Niveau anzusprechen vermag.
von Andrea Pollmeier