Ostthüringer Zeitung vom 17.09.09 , Greiz und Umgebung
Das tragische Schicksal von Big Don Q. - TheaterGrueneSosse gelingt Genie-Streich
Don Quijote ist tot! Es lebe Big Don Q. Doch der ist auch tot. Nach der Flucht aus der Justizvollzugsanstalt kam der 19-jährige Miquel K., genannt Big Don Q., bei einem Motorradduell ums Leben. Wer war dieser Mann? Drei Vollzugsbeamte aus der Haftanstalt klären auf. Das Theater Gruene Sosse aus Frankfurt/Main präsentierte am Dienstag beim Theaterherbst mit dem Stück Don Quijote und Sancho Pansa - Verloren in La Mancha eine mit Witz und Hintersinn gespickte Adaption von Cervantes Klassiker.

Es ist eine abenteuerliche und tragische Geschichte, das Leben von Miquel K., Don-Quijote-Fan, und ebenso das Leben seines Kumpels Marco P., alias Sancho Pansa. Wie die Vorbilder streiten sie für Gerechtigkeit, legen Wagemut an den Tag und Treue. Big Don Q. schreitet ein, als der Meister seinen Lehrling verprügelt, kämpft gegen Weinfässer und Windmühlen, sammelt Bilder von Models, in denen er seine Geliebte zu sehen glaubt. Doch ihr Tun kollidiert mit gesellschaftlichen Normen, so werden die Jugendlichen zur kuriosen Mischung aus Rächern, Narren, Idealisten, Exzentrikern und leidlich Wahnsinnigen.

Die drei Justizbeamten schildern die Lebensläufe von Big Don Q. und Sancho Pansa, weil sie die Jugendlichen mochten und im Auftrag diverser Ministerien. Und damit ihr Vortrag die nötige Kurzweil, einen gehobenen Unterhaltungswert und literarische Dichte hat, holten sie sich Regisseur, Dramaturgen und Theatertechniker, die das Referat mit Showeinlagen aufpeppten.
Die Schauspieler Willy Combecher, Sigi Herold und Detlef Köhler laufen zur Höchstform auf. In ihrem eine kühle Büroatmosphäre ausstrahlenden, aber zugleich effektvollen Bühnenbild agieren sie mit einer solchen Authentizität, dass die Bühne mehr und mehr verschwindet und die Fiktion der Realität ein Schnippchen zu schlagen beginnt. Nicht nur, dass sie die Unsicherheit eines nur mäßig geschulten Laien auf der Bühne mit großartiger Glaubhaftigkeit darstellen, sie präsentieren sich auch als Justizbeamte, denen ihre Gefangenen zumindest nicht egal sind, so echt, dass die eingebaute Fragerunde mit den Zuschauern nicht Spiel, sondern logische Konsequenz zu sein scheint.

Gemeinsam mit Regisseur und Co-Autor Marcel Cremer klopft das Theater Gruene Sosse jeglichen Staub von Cervantes Don Quijote ab. Einspielungen von Szenen aus der Don-Quijote-Verfilmung von Orson Welles, die Toneinlagen von Quijote-Zitaten, die Big Don Q. spricht, oder die Tanz- und Bewegungseinlagen des Beamtentrios tun ein Übriges. Gruene Sosse ist ein (Genie-)Streich gelungen, der Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen begeisterte. Greiz (Schaarschmidt).
Feuilleton Frankfurter Rundschau 27.2.2008
Jugendtheater Don Quijote als Gangsta auf der Enduro
Hellblaue Hemden mit Krawatten, dazu marineblaue Windjacken, beigefarbene Hosen und schwarze Slipper. So stehen die drei Wachtmeister der Jugendvollzugsanstalt Rockenberg im Theaterhaus Frankfurt. Sie berichten vom Ausbruch des 19-jährigen Miguel K., genannt Big Don Q. und Marco P. alias Pansa.

Während eines Freigangs in den Frankfurter Zoo haben die beiden "Gangsta" heimlich im Katzendschungelgehege das Gitter zwischen der Löwenfamilie und den Sumatra-Tigern geöffnet. Den wilden Kampf, der zwischen den Großkatzen entbrennt, beschreiben zwei der Beamten mit aufgerissenen Augen und großen Gesten. Der dritte zeichnet auf einer Karte des Zoos den Verlauf der Flucht zu "O-Tönen" vom Band (von Binu Kurian Joseph) nach.

Abschließend seien die Flüchtigen zu einer "mehrtägigen Orgie" des Unterweltpaten Don Diego nach Spanien gefahren. Don Q. auf der Enduro "Rosinante" und Pansa auf seinem Vespa-Roller.

Musik erklingt, die Polizisten wiegen die Hüften und lassen die Hosen runter. Zum Vorschein kommen Boxershorts, dazu setzen sie sich Stroh-Borsalinos auf und Schutzbrillen. Auch der größte Muffel unter den jugendlichen Besuchern vergisst kurz cool zu sein und erlaubt sich ein Kichern.
Ursprünglich, 1615, war Cervantes' Quijote ein 50-jähriger Junker, der nach der Lektüre von Ritterromanen beschloss, selbst fahrender Ritter zu werden. Nun ist er ein Jugendlicher, der Grenzen verletzt, was Cremer durch JVA-Beamte (Willy Combecher, Sigi Herold und Detlef Köhler) als Abschreckungs-Vortrag für Schulklassen nacherzählen lässt. Ein dramaturgischer Glücksgriff.

Die Bühne ist funktional gehalten, ein langer Bürotisch mit drei Stühlen, dahinter eine Stellwand mit eingelassenem "Fenster", in dem Requisiten verstaut sind und verschiedene Übersichtskarten heruntergelassen werden können.

Projektionen von Ausschnitten aus Orson Welles' Don-Quijote-Film sowie Tanz- und Pantomimeeinlagen sollen dem Vortrag " Unterhaltungswert und literarische Dichte" verleihen, sagen die Polizisten zu Beginn. Bingo. Eine gelungene Einführung in den Literaturklassiker, der den Gegenwartsbezug gleich mitliefert und nicht nur Jugendlichen Spaß macht. von Natalie Soondrum
Frankfurter Allgemeine Zeitung Rhein-Main-Zeitung Kultur
Eine wahre Geschichte Theater Grüne Soße spielt "Don Quijote" - als Jugendstück
Miguel K., 19 Jahre alt, musste sterben, weil er sich in die Welt des "Don Quijote" verrannt hat. Mit Eisenstangen bewaffnet, haben er und ein Knastkumpel sich ein Motorrad-Duell geliefert, am Frankfurter Osthafen. Wie Don Quijote, der als Ritter von der traurigen Gestalt durch die spanische Mancha zog. Nur dass der eben Erfindung war oder: Literatur. Miguel aber, der einige der 1000 Seiten von Cervantes' Roman auswendig kennt und ausgeschnittene Fotos von Models "Dulcinea" nennt, rächt die Enterbten, indem er ein paar jugendlichen Sträflingen zur Flucht verhilft oder freihändig auf der Autobahn Motorrad fährt.

"Ist das eine wahre Geschichte?", will einer der Jungen im Frankfurter Theaterhaus wissen und meint jene von Miguel, der sich selbst den Spitznamen Big Don Q. gab und nach dem Schlag mit der eisernen Lanze von seinem Motorrad, seiner Rosinante, fiel und starb. Ja, sagt einer der drei Uniformierten auf der Bühne. Das ist einer der Momente, in denen einem etwas unwohl wird in "Don Quijote und Sancho Pansa" vom Kinder- und Jugendtheater Grüne Soße - ist es fair, beinahe am Ende des Stücks noch darauf zu beharren, die Geschichte sei genau so wirklich passiert? Einerseits. Andererseits ist es, Wirklichkeit hin oder her, unbestritten eine wahre Geschichte, die Willy Combecher, Sigi Herold und Detlef Köhler mit ihrem Regisseur und Ko-Autor Marcel Cremer erzählen, indem sie Cervantes mit einem Jugendschicksal zum Theaterexperiment verquicken.
Als Justizvollzugsbeamte Schmitz, Schmatz und Schmutz seien sie von der hessischen Landesregierung beauftragt, Jugendlichen die Geschichte von Big Don Q. alias Miguel K. und seinem Kumpel Marco P., genannt Pansa, zu vermitteln - unterhaltsam, mit literarischem Anspruch, sagen sie. Vielleicht als Anregung, den "Don Quijote" zu lesen. Vielleicht, weil Miguels Geschichte eine ist von Versuch und Irrtum, von einer gnadenlosen Wut, vielen Illusionen und vom Scheitern.

Denn dass es auch das gibt, ohne Happy End und tolle Helden, wissen die meisten Jugendlichen von 13 Jahren an sowieso schon, wenn sie das Stück sehen. Deshalb verstehen sie auch die bittere Ironie, die darin liegt, wenn etwa gesagt wird, der Zoodirektor erkläre den jungen Häftlingen bei ihrem Besuch, eine ideale Welt brauche keine Zoos. "Und keine Gefängnisse", sagt da einer der Beamten. Je weiter die drei in ihrer Erzählung fortschreiten, umso enger verwebt sich die literarische Geschichte vom Scheitern, "Don Quijote", mit jener des jugendlichen Straftäters Miguel. Tanzeinlagen, Einspielungen aus Orson Welles' Verfilmung des "Quijote", Frankfurter Stadtpläne, Musik und Töne, exakte Beschreibungen des Jugendstrafvollzugs mischen sich mit Anekdoten aus Zeiten, als die drei mittelalten Akteure noch jung und wütend waren. So schafft es das Theater Grüne Soße auch diesmal, die wirkliche Wirklichkeit passgenau unter, auf die theatralische Wahrheit zu legen. Das tut auch weh, aber gerade so, dass es am Ende zu einer höchst lebhaften Fragerunde kommt: Experiment gelungen. Eva-Maria Magel