ECHO ONLINE                      17. Februar 2012    | Von Miryam Frickel

Subtile Zeichen von Wut und Traurigkeit


Theater – Das Ensemble „Gruene Sosse“ gastiert mit Stück über Trennungserfahrungen aus Sicht der Kinder

Es ist kein einfaches Thema, das sich die vier Schauspieler vom Theater „Gruene Sosse“ um Regisseur Willy Combecher und Choreografin Wiebke Dröge ausgewählt haben. „Exit“, so der Titel, befasst sich mit „Trennungserfahrungen‘ und „Scheidung‘ aus Sicht der Kinder.
Esther Schneider, Mariyama Ebel, Ali Ekizce und Hadi El-Harake sind zwischen 19 und 25 Jahren alt. Der Entschluss, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, entstand gemeinschaftlich. Sie alle sind der Problematik auf die eine oder andere Weise begegnet. „Exit“ haben sie während der Sommerferien selbst entwickelt: Sechs Wochen lang, jeden Tag Proben.
„Wir mussten viel Zeit und Kraft investieren. Aber ich würde es sofort wieder machen“, sagt Hadi. Keiner von ihnen ist ausgebildeter Schauspieler oder Tänzer. Und dennoch: sie bewegen sich sehr sicher und wie selbstverständlich auf der mit beweglichen Platten ausgelegten Studiobühne.
Die Vier kommen ansonsten ohne Bühnenbild aus. Trotzdem fällt es leicht, sich auf das Thema einzustellen und auszumachen, wer wen mimt. Mal sind alle vier Kinder, mal Eltern, die Rollen sind ebenso wenig festgelegt, wie die Geschlechter eine Rolle spielen. Und die Szenen sind gut beobachtet: Manchmal sind es nur kleine, subtile Zeichen, die die Wut oder die Traurigkeit zeigen, manchmal wird es laut. Und manchmal sind alle einfach nur hilflos. Eine schräg gestellte Bodenplatte, vier Menschen darüber gebeugt und schon erkennt man eine Familie, die sich nicht mehr viel zu sagen hat, vor sich hinstarrt und dann über den Küchentisch hinweg still zu raufen beginnt. Es sind vor allem solche Bilder, die das Stück tragen, lose Szenen die nicht viele Worte brauchen, sondern für sich wirken. Es ist ohnehin ein Thema, das schwer in Worte zu fassen ist.
„Es steckt auch einiges selbst erlebtes mit drin, aber natürlich spielen wir nicht 1:1, sondern entfremden die Situationen“, erzählt Esther. Bisweilen bleibt offen, wie die Szenen genau gemeint sind, was genau darin verarbeitet wurde.

 

Der Zuschauer muss und darf vielmehr selbst übertragen, deuten und wiedererkennen. Regisseur Combecher sagt: „Da gibt es kein Richtig und Falsch.“ In vielen Szenen geht es um die eigene Identität, um die Suche nach der eigenen Rolle in all dem Chaos. Um Fragen und um schwammige Antworten von beiden Seiten, die nicht zusammenpassen, geschweige denn etwas erklären.
Jedoch verspricht ein zynisches Coaching , mit all diesen Problemen fertig zu werden. Durch die nüchterne Formel „Das ist interessant“ lasse sich in jeder Lage das Richtige sagen, so erfährt der Zuschauer. Dies möglichst enthusiastisch aufgesagt, und schon sind alle zufrieden. Eine bittere Lektion. Denn, so hat man das Gefühl, meist sind es eben die Kinder, denen es am Schwersten fällt, die Spannungen nicht so schwer zu nehmen. Und gleichzeitig sind sie es, die sich anpassen müssen: Ein Kind, das, vom einen Elternteil träge aus dem Augenwinkel beobachtet wird, sich abzappelt und anstrengt und dann wieder, beim anderen, auf einem riesigen Sessel faulenzt und Konsole spielt, während eine hektische Mutter zu hektischer Musik vorbeihastet und ihm flüchtig über den Kopf streichelt. Zwei Lebensentwürfe getrennter Eltern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und dazwischen das Kind, das hin und her gereicht wird.
Das Publikum, das sich um 11 Uhr vor der Studiobühne einfindet, ist eine zwölfte Klasse der Werner-Heisenberg-Schule. Für einige ist es das erste Mal, dass sie im Rahmen des Unterrichts ins Theater gehen.
Wie aufmerksam die Schüler zuschauen, beweist, dass das Thema tatsächlich für sie von großer Wichtigkeit ist. Im Anschluss haben die Schüler dann noch Gelegenheit, mit den vier Darstellern und dem Regisseur zu sprechen. Auch hier zeigen die Jugendlichen Interesse und stellen Fragen.