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Frankfurter Rundschau
KULTURSPIEGEL
Montag, 4. Oktober 1999, Nr. 230 Tanz mit dem Liegestuhl "Strandläufer": Theater Grüne Soße unter der Regie von Marcel Cremer im Theaterhaus |
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Vier blaue Liegestühle, ein Sonnenschirm und etliche Schaufeln Sand - wer denkt da nicht an längst vergangene Ferientage! Doch die Strandidylle trügt. Vor strahlend blauem Theaterhimmel inszeniert der belgische Regisseur Marcel Cremer mit dem Theater. Grüne Soße ein verspielt satirisches Familienstück, in dem mit feinem Humor ein tiefenpsychologisch explosiver Stoff behandelt wird. Es geht um Väter und Söhne und die frühen Emotionen, die sie - inzwischen selbst Väter - weiter tragen. Vier Männer in Anzug und Krawatte lassen sich, die Augen hinter Sonnenbrillen versteckt, in gleißendem Sonnenlicht auf Liegestühlen nieder. Zum Strandgepack zählen ein kuscheliger Teddybär, ein Spielzeugauto mit Fernbedienung und diverse Radiogeräte. Der mit der eleganten Lederkrawatte beginnt: "Es ist Mittag, ein Vater und sein Sohn sitzen am Tisch und warten auf das Essen. In der Küche bereitet die Mutter das Essen zu, sie hat schlechte Laune..." Die Erinnerung wird abrupt gestört, provokativ drehen seine Zuhörer einer nach dem anderen ihre Musikgeräte auf. Der Lauteste setzt sich schließlich durch, John-Lee-Hooker. Rhythmen schaffen eine neue Einheit. Vorsichtig bewegen sich alle im gleichen Takt, erst mit dem Zeigefinger, dann mit der ganzen Hand, schließlich auch mit den Füßen. Fast schon springt der volksfestähnliche Gute-Laune-Funke auf die Zuschauer über, da erinnert der Elegante wieder an den Familienstreit, schon zerbricht die Einigkeit wieder. Mit ihren aus dem Rhythmus geratenen Füßen treten die Herren seitwärts aus, bis einer die Situation rettet. Er beginnt, sich umzuziehen. Der mit dem Teddybär geniert sich und verrenkt sich nach Dick-und-Doof Manier, bis es ihm gelingt, die weiße Unterwäsche gegen ein knappes Badehöseben auszutauschen. So locker die "Strandläufer" auch erscheinen und immer wieder mit humorvollen Einlagen eine gelöste, unterhaltsame Stimmung schaffen -die schlichten Szenen bergen einen heiklen Grund. Immer stärker treten emotional aufgeladene Momente in den Vordergrund. Besonderen Höhepunkt bildet die Szene, in der der Elegante (Günther Henne), nun im schwarzen Badeanzug und noch immer mit Lederkrawatte, einen Liegestuhl ergreift und wunderbar feinfühlig und hingegeben einen Tanz mit diesem sperrigen Ungetüm beginnt. Der ergreifende Pas de deux wirkt ansteckend, packt auch die anderen Männer (Willy Combecher, Sigi Herold und Detlef Köhler) an ihrer empfindsainen Seite. Jetzt tanzen sie alle, fassen sich an den Hüften, drehen sich im Kreise. Ein erotisches Spiel beginnt, das in seiner bizarren Symbolik kindliche und erwachsene, homoerotische und bisexuelle Assoziationen weckt. |
![]() Eindrucksvoll gelingt es Marcel Cremer und dem Ensemble des Grüne Soße-Theaters die Verflechtungen zu spiegeln, die zwischen der emotionalen Welt der Erwachsenen und der kindlichen Welt bestehen. Das Konzept des autobiographischen Theaters, das sich stark an der jeweiligen Persönlichkeit des Schauspielers orientiert, hat in dieser Inszenierung eine Stimmigkeit erzeugt. Schon bei der Erarbeitung des Stücks, waren die Schauspieler unmittelbar beteiligt. "Jeder hat einen Teil seiner Vater-Sohn-Geschichte in das Stück eingebracht, die Schauspieler sind die Autoren", erklärt Marcel Cremer. "Ich finde zwar mit heraus, was der Schauspieler zu sagen hat und wie er es sagen kann. Das Stück trägt meine Handschrift, aber ich diktiere es nicht." von Andrea Pollmeier |
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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Dienstag, 12. Oktober 1999, Nr. 237 Im Sand lauern die Erinnerungen Theater Grüne Soße |
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Am Strand fallen die Hüllen - das unterstreichen die vier Kleiderbügel, die hinter dem Bühnenarrangement aus Liegestühlen, Sandhaufen und Sonnenschirm hängen. Die vier Herren in Anzug und Krawatte, die sich hier nacheinander einfinden, werden also im Verlauf des Spiels einiges zu zeigen haben. Es sind nicht nur körperliche Blößen, die sie sich geben. Denn schon die Wahl der Unterwäsche -ob Tanga oder Liebestöter - offenbart einiges über den Träger, ebenso wie die Art, wie er sich der Hüllen darüber entledigt. In dem Kinderstück "Strandläufer" kehren gestandene Männer durch den Striptease (Entwarnung: Es kommt nicht zum Äußersten in der für Kinder von sechs Jahren an empfohlenen Aufführung) zurück in den Kinderstatus, lassen mit den Hüllen auch die Konventionen ihrer Altersgruppe fallen, wühlen sich im Sand am Meer zurück in die Sandkiste der frühen Jahre, wo nicht nur die Erinnerungen aus Schule und Elternhaus lauern, wo sich alsbald auch die kindlichen Rangeleien durchsetzen.
Dass diese Rivalitäten nahtlos zwischen Statusgehabe, Machtdemonstration und spielerischer Gruppendynamik wechseln, macht die Gleichartigkeit der Rollenspiele in der Lernphase wie im späteren Leben deutlich. |
Unter der Regie von Marcel Cremer hat das Ensemble der Grünen Soße die Eigenproduktion als leichte Mixtur aus Ausdrucksformen entfaltet. Das nonverbale, aber dennoch viel sagende Insistieren ist ebenso dabei wie die Deklamation von Parolen, die Straßenrauferei und die innige Tanzeinlage, auf der Tonspur werden Jugenderinnerungen von der Capri-Schnulze bis zum täglichen Kleinkrieg zwischen Herd und Esstisch eingeblendet. Und je mehr die prägenden Machtverhältnisse mit Fragen, Ermahnungen und Drohungen dabei Platz greifen, umso mehr verbarrikadieren sich die vier Akteure in den Phantasien ihrer Spiele. Je mehr die Erwachsenen wieder zu Kindern werden, umso mehr ersetzen sie Gesetze durch Spielregeln. Das setzt die Theatertruppe mit absurden Wendungen wie spontanen Handlungssprüngen um und findet damit einen ganz kindlichen Weg zu einem surrealen Bilderbogen. |
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FRANKFURTER NEUE PRESSE Väter sind eine mittelschwere Katastrophe Das "Theater Grüne Soße" zeigt mit "Strandläufer" eine bissige Persiflage auf den Männeralltag im Frankfurter Theaterhaus. |
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Wer es nicht schon weiß, hat es jetzt endlich erfahren: Väter sind eine mittelschwere Katastrophe. Zu Hause sowieso, erst recht jedoch beim -gemeinsamen Strandausflug. Anzug, Krawatte" Sonnenhut und finstere Brillen tragen die vier Männer, die bemüht lässig auf die Bühne schlendern. Fast wirken sie erwachsen: Wenn da nicht jeder sein Lieblingsspielzeug dabei hätte. Auto, Teddy - alles, was das Männerherz eben so begehrt. Ein Sandhaufen, ein Sonnenschirm, vier Liegestühle, fertig, los! Der Kampf zwischen den "ach, zwei Seelen" in behaarter Männerbrust - der Spießerseele und dem Lustprinzip - kann beginnen. Diese selbstironische Betrachtung maskulinen Alltagsverhaltens hat Marcel Cremer für die "Grüne Soße" geschrieben und inszeniert. Die Darsteller Willy Combecher, Günther Henne, Sigi Herold und Detlef Köhler sind ganz in ihrem Element, lassen das Kind im Mann unterdrückt und dennoch lustvoll auflachen. Nicht nur Kinder können sich über die Bühnen-Papas prächtig amüsieren, subtile Anspielungen lassen auch Erwachsene schmunzeln. |
Die vier Herren wirken zunächst arg unbeholfen und verklemmt. Ab und zu erzählt einer etwas über autoritäre häusliche Szenen. Mit Betonung auf- Mutter schimpft". Ansonsten herrscht Stille. Bloß nicht auffallen! Männer sind Herdentiere, so die Botschaft des Stückes. Sie kommen erst richtig in Fahrt, wenn es um das tollste Auto geht. Wer hat mehr PS? Vereinzelung und Konkurrenz, das ist Männersache. Einzig wenn der Spieltrieb erwacht, kommt mitunter Gemeinschaftsgefühl auf In einer Szene wird dies besonders deutlich: Zu einem Schlager tippt ein Strandläufer mit dem Finger verschämt rhythmisch auf den Liegestuhl. -Ob' solch unvermuteter Lebhaftigkeit halten die anderen zunächst den Atem an,.: Doch kurz darauf zucken acht Hände und Füße ekstatisch. Dann wirken die seltsam verkorksten Figuren auf der Bühne plötzlich liebenswert. von Pia Kurz 7.10.99 |
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